Die COVID-19-Pandemie war nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine gesellschaftliche Krise. Die mit ihr verbundene Unsicherheit begünstigte die Verbreitung zahlreicher Verschwörungserzählungen – etwa der Behauptung, das Virus sei absichtlich erzeugt worden oder die Pandemie diene bestimmten Gruppen zur Durchsetzung geheimer Interessen. Solche Erzählungen bieten vermeintlich einfache Erklärungen für komplexe Ereignisse und benennen häufig Personen oder gesellschaftliche Gruppen, die angeblich für eine Krise verantwortlich sind.
In einer aktuellen Studie untersuchte DSS-Forscher Marcus Eisentraut gemeinsam mit Alexander Jedinger von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften und Lena Masch von der Universität Münster, ob der Glaube an COVID-19-Verschwörungstheorien mit Vorurteilen gegenüber ethnischen Minderheiten zusammenhängt. Den theoretischen Ausgangspunkt bildete die sogenannte Sündenbockhypothese: Demnach können Menschen in gesellschaftlichen Krisenzeiten dazu neigen, die Verantwortung für bedrohliche Entwicklungen bestimmten Gruppen zuzuschreiben.
Die Forschenden werteten zwei Befragungen aus Deutschland aus. Die erste Studie basierte auf Querschnittsdaten von 896 Befragten. Für die zweite Studie wurden Längsschnittdaten von 2.048 Personen analysiert. Untersucht wurden Einstellungen gegenüber eingewanderten, muslimischen und jüdischen Menschen sowie gegenüber Geflüchteten.
Die Ergebnisse zeigen ein übereinstimmendes Muster: Je stärker die Befragten COVID-19-Verschwörungstheorien zustimmten, desto negativer waren ihre Einstellungen gegenüber allen vier untersuchten Gruppen. Dieser Zusammenhang zeigte sich sowohl in den Querschnitts- als auch in den Längsschnittdaten.
Die Studie macht damit deutlich, dass Verschwörungserzählungen nicht nur das Verständnis gesellschaftlicher Krisen beeinflussen. Sie können auch mit der Abwertung von Minderheiten einhergehen und dadurch das gesellschaftliche Zusammenleben und den sozialen Zusammenhalt belasten.